Reiners Kolumne: Wenn Professionalisierung nur auf dem Papier stattfindet

Das Bild zeigt ein Bett in einem Krankenhaus, symbolisch für: Reiners Kolumne Wenn Professionalisierung nur auf dem Papier stattfindet

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Reiner Henrich

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Über den Autor:

Reiner Henrich ist ein erfahrener Berater und Geschäftsführer in der Pflegebranche.

Er betreut mit seinem Team über 600 Pflegeeinrichtungen in Deutschland und gilt als Experte für betriebswirtschaftliche und organisatorische Fragestellungen im Pflegesektor.

Sein Fokus liegt auf Beratung und Entwicklung von Pflegediensten und -einrichtungen, sowie Qualitätsmanagement und Finanzierungsstrategien.

Manchmal sitze ich morgens beim Kaffee, lese die Nachrichten – und dann bleibt mir kurz die Luft weg. So ging es mir, als ich von der Helios-Entscheidung las: Pflegefachkräfte sollen künftig Patientenbetten reinigen. Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet in dem Moment, wo wir gerade ein Gesetz bekommen haben, das die Kompetenzen von Pflegekräften endlich erweitert und ihre Fachlichkeit stärkt.

Sie kennen das vielleicht: Man arbeitet jahrelang daran, dass Pflege als eigenständige Profession wahrgenommen wird. Man berät Pflegedienste, wie sie ihre Fachkräfte sinnvoll einsetzen. Und dann kommt so eine Nachricht. Und man fragt sich: Haben die überhaupt mitbekommen, was am 6. November beschlossen wurde?

Ein Gesetz, das Geschichte schreiben sollte

Anfang November wurde etwas verabschiedet, auf das wir lange gewartet haben: Ein Gesetz, das Pflegefachkräften mehr Entscheidungskompetenzen gibt. Mehr Verantwortung in der Beurteilung komplexer Pflegesituationen. Mehr Autonomie bei der Einschätzung von Risiken. Endlich eine gesetzliche Anerkennung dessen, was Pflegekräfte schon lange praktisch leisten.

Ich habe das als Hoffnungszeichen gesehen. Als Signal: Eure Arbeit ist wichtig. Eure Expertise zählt. Ihr seid mehr als Helfer.

Und dann das: Helios, einer der größten Klinikverbünde in Deutschland, beschließt quasi zeitgleich, dass Pflegefachkräfte künftig Betten reinigen sollen. Eine Tätigkeit, für die man keine dreijährige Ausbildung braucht. Eine Aufgabe, die bisher – völlig zu Recht – vom Servicepersonal übernommen wurde.

Warum mich das als Berater so wütend macht

In meiner Beratungspraxis arbeite ich jeden Tag mit ambulanten Pflegediensten. Kleine und mittlere Unternehmen, die oft mit knappen Budgets kämpfen. Und wissen Sie, was ich denen immer sage? “Setzen Sie Ihre Fachkräfte dort ein, wo ihre Kompetenz den größten Nutzen bringt.”

Das ist keine Philosophie. Das ist Betriebswirtschaft.

Wenn eine examinierte Pflegefachkraft komplexe Wundversorgungen macht, Beatmungsgeräte steuert oder Angehörige in schwierigen Situationen berät – dann rechtfertigt das ihr Gehalt. Dann schafft sie Wert. Dann nutzen wir ihre dreijährige Ausbildung sinnvoll.

Wenn dieselbe Fachkraft regelmäßig Betten macht, verschwenden wir Fachkompetenz. Wir zahlen einen Fachkraft-Stundensatz für eine Tätigkeit, die eine Servicekraft übernehmen könnte. Das ist nicht nur respektlos gegenüber der Profession – das ist auch wirtschaftlich absurd.

Die Argumentation mit dem “Skill-Mix” ist dabei besonders perfide. Skill-Mix bedeutet eigentlich: Jeder macht das, wofür er qualifiziert ist. Verschiedene Berufsgruppen ergänzen sich sinnvoll. Aber hier wird der Begriff missbraucht für das Gegenteil: Hochqualifizierte sollen Tätigkeiten übernehmen, für die sie überqualifiziert sind.

Das ist kein Skill-Mix. Das ist Kostensparerei auf dem Rücken der Profession.

Was das mit den Pflegediensten macht, die ich berate

Ich erlebe in meinen Beratungsgesprächen immer öfter frustrierte Leitungskräfte. Sie sagen mir: “Reiner, wir haben gerade eine tolle Fachkraft eingestellt. Hochmotiviert, super ausgebildet. Und nach drei Monaten kündigt sie, weil sie sich als Mädchen für alles fühlt.”

Das ist kein Einzelfall mehr. Das ist ein Muster.

Wenn wir politisch eine Aufwertung bekommen – und praktisch eine Abwertung erleben, dann entsteht Frust. Dann gehen Kolleginnen und Kollegen, die eigentlich bleiben wollten. Dann überlegen sich junge Menschen zweimal, ob sie diesen Beruf lernen.

Und die Pflegedienste, die ich berate? Die kämpfen dann noch härter um Fachkräfte. Die müssen noch mehr Geld in Rekrutierung stecken. Die verlieren Know-how und Kontinuität.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Chirurgin. Sie haben jahrelang studiert, haben Spezialisierungen gemacht, operieren komplexe Fälle. Und dann sagt Ihr Arbeitgeber: “Ab morgen putzen Sie bitte auch die OP-Säle. Ist ja auch wichtig für die Patientensicherheit.”

Würden Sie sich ernst genommen fühlen? Würde das Ihre Motivation steigern?

Bei uns in der Pflege ist es genauso.

Was ich meinen Kunden jetzt rate

Aus meiner Beratungspraxis heraus gebe ich drei klare Empfehlungen:

Erstens: Klarheit über Rollen und Zuständigkeiten schaffen*

Pflegefachkräfte sind keine Allzweckkräfte. Sie haben spezifische Kompetenzen, die wertvoll sind. Diese Kompetenzen müssen geschützt werden – durch klare Aufgabenzuordnungen. Die Dienste, mit denen ich arbeite, haben oft Pflegefachkräfte, Pflegeassistenten und Alltagsbegleiter. Wenn jeder seinen klar definierten Bereich hat, funktioniert das Team besser.

Zweitens: Wirtschaftlichkeit neu denken*

Ja, Personalkosten sind ein Thema. Gerade bei ambulanten Diensten. Aber die Lösung kann nicht sein, teure Fachkräfte für günstige Tätigkeiten einzusetzen. Das ist betriebswirtschaftlich unsinnig und führt zu Qualitätsverlusten. Wenn eine Fachkraft beim Bettenmachen ist, fehlt sie bei der Medikamentensteuerung oder der Beratung. Das kostet am Ende mehr, als es spart.

Drittens: Konsequenz zwischen Gesetz und Praxis herstellen*

Was nützt ein Gesetz, das Pflegekräften mehr Kompetenzen gibt, wenn die Realität anders aussieht? Ich sage meinen Kunden: Nutzen Sie die neuen gesetzlichen Möglichkeiten. Setzen Sie auf Delegation. Bauen Sie Assistenzstrukturen auf. Investieren Sie in die Fachlichkeit Ihrer examinierten Kräfte.

Was erfolgreiche Pflegedienste anders machen

Die Dienste, die ich berate und die erfolgreich sind, haben eines gemeinsam: Sie behandeln Pflegefachkräfte als das, was sie sind – Fachkräfte. Das bedeutet konkret:

– Klare Aufgabentrennung zwischen Fachkräften und Assistenzkräften

– Investition in Fortbildungen, die die fachliche Kompetenz weiter stärken

– Einsatz der Fachkräfte bei komplexen Fällen, die ihre Expertise brauchen

– Delegation von Routinetätigkeiten an qualifizierte Assistenzkräfte

Ist das teurer? Vielleicht kurzfristig. Langfristig nicht. Denn zufriedene, wertgeschätzte Fachkräfte bleiben. Sie arbeiten motiviert. Sie bringen ihre Expertise ein. Und das merken die Klienten jeden Tag.

Und noch wichtiger: Diese Dienste haben deutlich weniger Fluktuation. Sie sparen sich teure Rekrutierungskosten. Sie haben bessere Bewertungen. Sie wachsen.

Was bleibt

Die Helios-Entscheidung macht mich sprachlos. Nicht, weil Bettenreinigung unwichtig wäre. Sondern weil sie zeigt, wie wenig der Wert professioneller Pflege verstanden wird. Wie wenig die politischen Signale in der Praxis ankommen. Wie groß die Kluft zwischen Anspruch und Realität noch immer ist.

Aber sie macht mich auch kämpferisch. Denn wenn große Konzerne nicht verstehen, was Professionalisierung bedeutet, dann können wir es anders zeigen. Durch gute Beispiele in den Pflegediensten, die ich begleiten darf. Durch klare Haltung. Durch Arbeitgeber, die anders handeln.

Pflege verdient keine Lippenbekenntnisse. Pflege verdient Respekt. In Gesetzen – und in der täglichen Praxis.

Und die ambulanten Pflegedienste, die das verstehen? Die werden auch in Zukunft die Fachkräfte finden, die andere verzweifelt suchen.

Was ist Ihre Meinung dazu? Erleben Sie ähnliche Entwicklungen in Ihrer Einrichtung? Ich freue mich über Ihre Gedanken – gerne in den Kommentaren oder direkt per Mail an mich.

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